L’INFERNAL Trail des Vosges – ein Inferno!!!

Da ich 2017 nicht für den Western States gelost wurde und auch beim UTMB kein Losglück hatte, machte ich mich auf die Suche nach einer Herausforderung. die mich dem Traum „Tor des Geants“ etwas näher bringt. So stieß ich auf den L’Infernal Trail in den Vogesen. ~203km mit ~11.000HM und einem brutalen Höhenprofil, dazu später mehr!

In dem Beitrag „Vorbereitung auf das Inferno“ habe ich versucht den Weg zu diesem Lauf zu beschreiben. Grundsätzlich liefen die Vorbereitungen großartig. Das, was letztes Jahr auf dem Weg zum UTML gut geklappt hat, sollte auch hier funktionieren:

FOUR IN A ROW

4 Wochen – 4 Ultras. Beginnend mit dem HuBUT, über den Hartfüssler, bis hin zum SoNUT. Dann, als Abschluss das Finale, der L’Infernal. Macht in der Summe ca 385 Wettkampfkilometer mit gut 16.000 Höhenmetern in 4 Wochen. Das ist Wahnsinn, aber es härtet ab. Nach einem kleinen „Tief“ – nennen wir es besser Regenerations-Loch – nach dem Grossglockner Ultra-Trail fiel es mir schwer, in den ersten Lauf rein zu kommen. Der Magen wollte nicht, die Beine auch nicht … aber was solls, die Dinge müssen nicht immer einfach sein.

Einfach kann jeder.

Danach, beim HTF und beim SoNUT bin ich deutlich besser ins Rennen gekommen. Konstante und ruhige Läufe. Nach dem SoNUT  hatte ich tatsächlich ein gutes Gefühl für den L’Infernal. Ich hab natürlich 5 Tage NICHTS an Sport gemacht.

Das Inferno

Start war die Nacht von Donnerstag auf Freitag um 00:00. Für die erste Nacht und den ersten Tag waren die Wetterprognosen okay. Nicht warm, aber immerhin kein Regen. Ein paar Sonnenstrahlen gab es. In der Nacht zum Samstag und tagsüber sollte Regen einsetzen. Dazu gleich mehr.

126 Männer und Frauen standen am Start. Einige haben es sich wohl schon vorher anders überlegt, es standen deutlich mehr Teilnehmer auf der Startliste. 85 haben es ins Ziel geschafft, beeindruckend unter den Bedingungen und bei einem so fordernden Wettkampf.

Noch nie bin ich mit einem Feuerwerk auf einen Trail entlassen worden. Viele Zuschauer beim Auslaufen aus der Arena, in flammender Schrift „L’Infernal“ am Rande zu lesen. Gänsehaut. Lauter „Fous“ auf der Strecke 🙂 …

Das Rennen

Bei einem 200km Rennen sollte man sich anfangs noch etwas bremsen. Ich meine Eric und ich ballern ja schon ordentlich los immer, aber die Franzosen … nach 20km beim ersten VP hatte man aber so einige keuchende Gestalten wieder im Sack. Nur nicht verblasen, locker angehen. Bis zum ersten Dropbag, bei km 60 ungefähr, war es echt zäh. Gefühlt zu hoher Puls, viel zu viel Schweiß, zuviel Kraftaufwand. Bis hin zu km 115 und dem 2ten Dropbag sollte das Tempo nochmal etwas gedrosselt werden. Es ging ständig auf und ab. Ziehwege, Wind, Kälte, es war wirklich nicht leicht.

An Untergrund war alles dabei, von Strasse über Waldautobahn bis hin zu feinsten SingleTrails. Aber es gab auch Wege durchs Nichts. Und es gab eine Art Mondlandschaft am Grand Ballon … da zog es echt wie Hechtsuppe. Ich hab soooo raue Lippen jetzt :-/

Die 100km mit ca 5000HM haben wir nach 17,5h erreicht. Für die erste Hälfte eines 200km Rennens eine tüchtige Zeit. Aber die Sub 40h schien absolut realistisch.

Die ersten 115km bin ich mehr oder weniger mit Eric durchs Gelände gepflügt. Das Tempo hat gepasst und die Zeit ging ganz gut rum. Das Feld zieht sich schon sehr auseinander. 115km und 6100HM. Sehr ähnlich dem GGUT, und ein recht anspruchsvolles Profil. Aber es sollte noch härter werden!

Als mein TrailBuddy dann jedoch einer Überdosis Koffein erlegen ist und es ihm nicht mehr gut ging, bin ich alleine in die zweite Nacht gezogen. Ich fühlte mich gut und erreichte einen sehr entspannten Zustand. Im Speedhiken bergauf konnte ich einige Plätze gut machen und auch bergab spielten die Beine mit. Sehr schnell war ich „gefühlt“ am 3ten und letzten Dropbag. Das war bei km 140 und 7500HM. Schnell füllte ich die Reserven auf und wechselte zum letzten mal zu trocknen Socken. Totaler Quatsch! Ich wollte nicht lange pausieren, wenn man nen Lauf hat, dann sollte man nicht stoppen. An fast allen VP’s gab es Suppe, das war mein Hauptnahrungsmittel. Ab und an Käse, Schinken oder Salami, getrocknete Pfirsiche, mehr brauchte ich nicht. Unterwegs gabs ab und an vor langen Steigungen ein Gel. Links an der Brust 0,6ltr Wasser, rechts die gleiche Menge Eistee. Das war geil.

Wie sehr wünschte ich mir zwischendurch eine Zahnbürste … die ganzen süßen Getränke während der zahlreichen Stunden hatten einen Belag vom Feinsten gezaubert.

Ab km 140 sollten es ca 11km mit 500m auf und wieder ab zum nächsten VP sein. Ein Kinderspiel bei dem restlichen Profil. Denkste. Raus aus dem VP, nen Weg runter und dann stehste vor nem Hang. Lift geht hoch, aber nicht für mich. 800m und ca 250m Anstieg. Wiese. Es regnet. Das wars also mit den für 5 Min trockenen Schuhen. Reinhacken, vorwärts, seitlich wie ein Krebs. 5 Meter, Pause. 5 Meter, Pause … ekelhaft. Das wollte nicht enden. Meine Waden und Achillessehnen brannten. Ich kam da nicht hoch. In der Hälfte sah ich dann andere Stirnlampen ankommen. Die waren ja noch langsamer. Gut, dann eben weiter gemütlich bergauf. Das tat schon gut weh. Es folgte ein Ziehweg. Locker Walken. Dann Wiesen-bergab-rennen. Gefühlte 5km. Ekelhaft. Alles war nass. Dann kamen weitere fiese Passagen bergab, die waren jedoch nicht laufbar. Irgendwann sah ich vor mir wieder Stirnlampen. Sie sind bergab gewandert. Zu schnell am Anfang, Beine zu. Mit einem Pace von ca 6 – 6:30min/km bin ich an ihnen vorbei. Ich hab sie nicht wieder gesehen. Danach kam ein Stück nichts durch den Wald. Querfeldein. Durch Brennnesseln, Tannen, Moor,  wirklich durchs dickste Dickicht. Nach diesen 11km war ich fix und fertig. Ich dachte beim VP nur kurz zu stoppen, musste aber 2 Suppen und ne Menge Käse und Brot inhalieren um weiter Kraft zu haben.

Ich zog weiter und sah wieder eine Stirnlampe. Als ich zügig an ihm vorbei gewandert bin (bergauf), da fing der doch an zu laufen. „Mach du mal“ dachte ich und ging meinen Schritt weiter. Ruhig atmend, wenig schwitzend, niedriger Puls. Deutlich besser als die erste Hälfte. 1 km später saß er außer Atem am Rand.

Passiert halt. Meine Beine waren weiterhin locker und selbst grade Wege und leichte Steigungen konnte ich zügig laufen. Nur noch ein Marathon oder so 😀 …

Es kam irgendwann nach einer Straßenüberquerung nochmal so ein Anstieg wo ich dachte „Die verarschen dich!„. Direkt packte ich die Stöcke ein und kletterte auf allen Vieren einen felsigen, von Regen durchnässten Hang hoch. Schlimmer geht immer, ne das stimmte hier nicht. Das war brutal. Wie oft ich auf dem Bauch wieder runter gerutscht bin. Ich roch nicht nur wie ein Wildschwein, ich sah auch so aus!

Leider hörte es nicht mehr wirklich auf zu regnen. In der ersten Helligkeit erreichte ich den nächsten VP. Auch hier bin ich zügig durch, der letzte große VP war bei km 176. Als ich ankam berichtete man mir dass ich 10ter sei und einen deutlichen Abstand habe. Und dass die Strecke nun leichter würde! In der Tat waren km 140 bis 160 die schwierigsten Kilometer.

Nur noch durchlaufen, dachte ich …

Als ich aus diesem letzten VP raus bin, ging es wieder aufwärts. Ich konnte Strecke machen und wie im Delirium nach ca 32 Stunden verlief ich mich. Waren da eben noch Pfeile und Flatterbänder, so war alles weg. Keine Ahnung wieviele Kilometer ich da falsch gelaufen bin. Bei km 187 sollte der nächste VP sein. Ich hatte 192 km auf der Uhr und kein VP in Sicht. Kein GPS-Empfang, kein Handyempfang. Ich stand plötzlich an einer Kreuzung mit 100 Möglichkeiten und wusste weder woher ich kam, noch wohin ich sollte. Was tun? Auf den Berg und Netz finden. Wieso hat man ne Notfallnummer? Streckenchef, klingt gut.

Natürlich konnte niemand am Telefon Englisch oder Deutsch. So musste ich französisch schimpfen und sagen dass ich keinen Bock mehr hab. Ich suchte dann nen Fixpunkt an einem Waldweg und konnte „geortet“ werden. Da sagte der mir doch dass ich total falsch bin. Als ob ich das nicht wüsste. Er sagte ich solle zurück. 8km oder so. Spaßvogel. Ich wusste die verkackte Richtung ja nicht mehr und der Kompass schlug Purzelbäume. Netz weg. Panik. Erstmal schreien. Ich war echt wütend. Ich war sooo gut Sub 40 unterwegs. Platz 10. Weit über meinen kühnsten Träumen. Und dann, bei fast 200km verlaufen. Wie blöd muss man sein. Oder wie müde? Die Stimmung war echt im Keller. War das eine Träne? Nein verdammt, es regnete mehr denn je. Langsam kochte ich ich vor Wut.

Menschen. Endlich Menschen. Franzosen. Okay. Frag wo du hin musst. Och nö. Laberste die an, dann erzählen die mir doch dass sie Touristen seien und ob ich den Weg kenne würde. Gibt es das?

Mein Handy klingelt. Der Streckenchef. „Ich geb auf“ sage ich. „Kommt mich abholen.“ Ich hab mein Ziel erreicht. Ich war vorne. Ich war gut. Ich hab die 200km. ich hab schon 10000HM. Aber ich will nicht noch 8 Std laufen. DNF. Ich war mir sicher, das ist mein erstes DNF.

DNF (DID NOT FINISH)

Ich fand das gar nicht schlimm nicht durchs Ziel zu laufen. Durch den Regen. Ich freundete mich damit an und war vollends zufrieden und erleichtert. Nach ca 15 Min kam mich jemand einsammeln. Ich bekam Tee und ne Decke. Ich berichtete dass ich zufrieden bin und aufhören möchte. Ich war froh mit der zurückgelegten Strecke, der investierten Zeit und der zwischenzeitlichen Platzierung. Es kam nicht in Frage über 40 Stunden zu laufen und dann auf Platz 20 anzukommen. Das wollte ich einfach nicht mehr. Aber der Typ lies nicht locker, setzte mich bei der Strecke ab und schimpfte ich solle weiter laufen. nur noch wenige km zum VP, letztendlich waren es nur 12 zuviel. Hätte ich zurück laufen gemusst, wären es wohl 50 geworden bis ich wieder auf Kurs gewesen wäre. Scheiße da. Ich hatte doch schon aufgegeben und war mental ausgestiegen. Er sagte es seien höchstens 2 oder 3 an mir vorbei, aber unter 40 Stunden könne ich bleiben.

Gut, auf in den Kampf. Die letzten 20km oder so. Hab ich mich also breit schlagen lassen. Ich umarmte den guten Mann, dankbar dass ich wieder bekannten Boden unter den Füssen hatte und freute mich auf den VP … der halt viel später als erwartet kam. Ne Suppe. Bisschen Eistee und mit Adrenalin in den Adern wie ein Irrer weiter. Über Stock und Stein und querfeldein. KM 190. 13 km noch=!? … Fuck, nochmal auf den Arsch gesetzt beim Downhill. Üblicher Check ob alles dran (an mir) und da ist (im Rucksack).

Panik … wo ist mein Handy?

Hast du Trottel das nun auch verloren? Rekapitulieren. Wann benutzt. Ah, vor 500m ca ein Foto gemacht. Zurück. Zurück ist bitter. Vor allem weil du dann wieder zurück mußt 😀 … nach 15 Min suchen fand ich mein Handy. Hat mich da grade einer überholt? Gibts doch nicht. Jetzt reichts aber. Normal passiert mir sowas am Ende nie. Ich kann immer aufdrehen auf den letzten Kilometern. Echt jetzt? Hab ich doch den Track auf der Uhr beendet. Reiß dich zusammen, tief durchatmen. Finde deine Mitte. Und Vollgas.

Die letzten 14.53km mit 376HM durch fiesen Matsch und überflutete Singletrails bin ich gestürzt und gerutscht. In 1:52std mit 7:45Min/km. Nach 200km auf den Beinen. Und es hat Spaß gemacht. Ich bin bergab teils einen 5er Schnitt gelaufen. Und ich hab niemanden überholt oder gesehen. Vielleicht war es ein Wanderer der irgendwo anders abgebogen ist? Egal. Ich konnte das Ziel riechen und so hab ich mich laufend dorthin geprügelt. Von unten bis oben voll mit Matsch.

Und dann fragt der Moderator wo ich so lange gewesen sei, sie hätten mich früher erwartet!

Hätten die nicht gefilmt, ich hätte ihn geschlagen 😀 … ich versuchte dann nach 37:40Std laufen auf französisch zu erklären dass ich mich verlaufen hab. Ich sei aber immer noch 10ter mit ner Stunde Vorsprung ca. Haben die anderen sich auch verlaufen? Länger gebraucht? Pausiert? Ich werde es wohl nie erfahren. Aber ich war wirklich froh bei dem Sauwetter im Ziel zu sein. Mit Medaille und Finisher-Weste.

 

 

Dann wollte ich nur noch Essen, Trinken und Schlafen. Mein erster Kaffee … ich war so im Arsch 😉 …

Die Duschen waren lauwarm. Als mein Körper runter kühlte, da fühlte ich nur noch Schmerzen. Nicht die Füße, die waren okay. Die Beine, der Rücken (schwerer, nasser Rucksack), das schmerzte. Aber erträglich. Mein Arsch (sorry) war das SCHLIMMSTE. Fast 40 Stunden Laufen. Schweiß, dann Dauerregen. Irgendwann ist da ein heulender Wolf der sich bei jedem Schritt bemerkbar macht. Ich hab mir also in den Vogesen nen Wolf gelaufen. Trotz Hirschtalg. Na ja … mittlerweile geht das auch wieder. Is ja auch logisch dass der Wolf den Hirsch verjagt, oder?

Résumé

Ich war im Ziel. Nach ca. 115km inkl. „Umweg“. Platz 10. 37:40 Std. Weit unter den gewünschten 40 Std. Ziel erreicht. Saison abgeschlossen. So nah am DNF. Was keine Schande ist. Bei solchen Distanzen reicht schon ein kleines Wehwehchen um nicht ins Ziel zu kommen. Alles ist gut. Ich hatte 2 Paar Schuhe zum wechseln mit, gebraucht hab ich keins. Bin mit den Inov 8 Roclite 290 die komplette Strecke durchgelaufen. Und es war super. Die besten Schuhe die ich je hatte, kein Scherz. Mittlerweile fast 600km drauf, die meisten im Wettkampf. Und sie sehen immer noch gut aus …

Zur Organisation: Es war super. Das Festival-Gelände war  riesig, es gab viele freundliche Helfer (~600) und alles war gut organisiert. Auch wurden viele andere Läufe angeboten (harte 120km, 60km, 30km, 12km) … Hindernisgeschichten und sowas wie ColorRun gab es auch. Und man kam als Langstreckler nicht außerhalb der Party an 🙂 …

Was hab ich gelernt?
  1. Halt dich fern von Wölfen!
  2. Zahnbürste in den DropBag!
  3. Verschwende keine Zeit mit trockenen Socken wenns regnet!
  4. Sei sparsam mit Koffein!
  5. Meine Trainingsstrategie passt!
  6. 200+ km sind auch drin …

 

Und nun noch ein paar Eindrücke … DANKE FÜRS LESEN & DAUMENDRÜCKEN!!!

Gratulation an die Läufer vom UTML – war 2016 ein toller Lauf, damals ohne Regen, jedoch sehr heiß. @Olivier, tolles Ergebnis! Chapeau, das Tempo hätte ich diese Saison nicht mehr hin bekommen!!!

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